Gertrude Stadler
"Und er wird jede Träne von ihren Augen abwischen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch wird Trauer, noch Geschrei, noch Schmerz mehr sein. Die früheren Dinge sind vergangen." - Offenb. 21,4 -
“Jo grias di; na g’schmo i hau mi o”
Es freut mich wirklich sehr, dass du mich besuchen kommst, auch wenn du mich vielleicht nie persönlich kennengelernt hast.
Ich erzähle dir sehr gerne kurz meine Geschichte.
Ich kam am 14.06.1951 (beinahe) gleichzeitig mit meinen zwei Schwestern - ja, ich bin ein echter Drilling - in der kleinen Gemeinde Ebensee am Traunsee zur Welt. Meine Kindheit war nicht unbedingt einfach, da wir insgesamt acht Kinder waren, die bloß von meiner geliebten Mutter Theresa aufgezogen wurden, aber dennoch hatten wir unseren Spaß - warum auch nicht, wir waren Kinder.
Mit bereits 14 Jahren begann ich zu arbeiten. Es ist heutzutage vielleicht nicht mehr üblich, so bald für sein eigenes Einkommen zu arbeiten, aber damals war das nicht unbedingt außergewöhnlich, will ich meinen. Als ich, einige Jahre älter, nach Bad Ischl kam, unterstützte ich tatkräftig meine Drillings-Schwester Roswitha beim Betreiben Ihrer “Blumenstube Huber”, die es nunmehr leider schon seit langer Zeit nicht mehr gibt. Ich konnte meine Kreativität und meinen Blick für das Schöne im Handwerk einer Floristin ausleben - wir nahmen jedoch Kunstblumen, Gräser und andere nicht vergängliche Rohstoffe, um langwährende einzigartige Kunstwerke herzustellen, die weitreichende Beliebtheit fanden.
Mein beruflicher Weg führte mich schlussendlich zur Stadtgemeinde Bad Ischl, wo ich bis zu meiner, ich denke verdienten, Pension mit viel Freude meiner täglichen Arbeit nachging und vielen netten Menschen begegnete und Freundschaften schloss.
Aber auch in meinem Privatleben blieb ich nicht erfolglos. Ich habe vier wunderbare Söhne geboren und aufgezogen, auf die ich allesamt sehr, sehr stolz bin. Sie haben sich, trotz meiner vielen Arbeit und der wahrscheinlich ab und an zu geringen Zeit, die ich deswegen für sie hatte, prächtig entwickelt und ihr eigenes erfolgreiches Leben aufbauen können - ich musste sie schließlich alleine großziehen. Ich bin über alles stolz auf meine vier Buam; ich liebe sie über alles - sie fehlen mir so sehr und ich werde sie bis in alle Ewigkeit in meinem Herzen tragen. Gleichermaßen stolz bin ich auf meine drei Enkerl, die mir zwei meiner Söhne geschenkt haben. Ach, hätte ich bloß etwas mehr Zeit auf dieser Welt gehabt, um mich um alle meine Lieben noch viel ausgiebiger hätte kümmern können. Um meine Familie, um meine Freunde und mich selbst. So gut ich konnte, gab ich alles, was ich hatte, um Mensch und Tier in meinem Umfeld glücklich zu machen, um ihnen zu helfen, auch wenn ich mich manchmal dadurch selbst vernachlässigen musste. Ich tat es stets aus Liebe, aus tiefstem Herzen: es machte mich stets äußerst glücklich.
Als ich schließlich von einer unheilbaren Krankheit getroffen wurde, brach eine Welt für mich zusammen. Habe ich alles geschafft, was ich wollte? Geht es meinen Söhnen, meiner Familie, meinen Freunden und Bekannten gut? Kann ich alles, was nicht heil ist, noch richten? Ich will noch nicht gehen, ich werde kämpfen! Und das tat ich bis zum letzten Moment über vier Jahre lang. Bis zum letzten Tag war ich mit all meinen Sinnen bei meinen Liebsten und verlor niemals den Mut, noch einen Tag länger das Leben genießen zu dürfen. Ja, ich hatte Angst, furchtbare Angst, aber ich fand Trost in der Liebe von den mir Nahestehenden und in der Hoffnung auf ein Leben danach. Ich war nicht religiös, aber ich war gläubig, sehr gläubig. Meine täglichen Gebete und mein Streben stets mit Güte allen Lebewesen zu begegnen, nicht vorschnell zu urteilen und zu geben, was ich geben konnte, lassen mich hoffen, einst im Paradies auf Erden zu leben und mit all meinen geliebten Menschen und Tieren wieder vereint und glücklich zu sein.
Genieße deine Tage, deine Stunden, Minuten, jeden Moment so gut wie du kannst. Suche das Glück, sei gütig, gib, was du geben kannst, schenke Liebe und sie wird auch dich erreichen, denn nur sie wird dich glücklich machen; dir ein schönes Leben bescheren, egal wie lange es sein mag. Alles andere ist vergänglich.
In ewiger Liebe die Deine
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